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Es scheint gerade die Zeit des Aushaltens zu sein. Menschen bleiben in Jobs, die sie auslaugen. In Beziehungen, die ihnen nicht guttun. In Umfeldern, die sich innerlich einfach falsch anfühlen.
Vielleicht kennst du’s ja:
Dein Bauchgefühl sagt eigentlich ganz klar Nein – aber du bleibst. Hältst aus. Trägst weiter. Obwohl es dir nicht guttut.
Should I Stay or Should I Go von The Clash bringt genau diesen inneren Konflikt auf den Punkt:
„If I go, there will be trouble. And if I stay, it will be double.“ - The Clash
Die unendliche Suche nach Sicherheit
Und Hand aufs Herz: Ich bin vor Kurzem in genau so eine Situation gerutscht. Bei mir war es ein Projekt, bei dem ich mir eingeredet habe, dass ich es aus finanziellen Gründen brauche bzw. Sicherheit brauche. Im Nachhinein betrachtet standen alle Zeichen von Anfang an auf Dunkelrot. Eine Red Flag nach der anderen quasi. Und trotzdem bin ich geblieben.
Warum uns mehr hält als „nur“ die Angst
Wenn ich heute mit etwas Abstand draufblicke – und auch auf das, was ich bei meinen Klient*innen beobachte – wird für mich immer deutlicher:
Es ist nicht nur die Angst, die uns hält.
Auch wenn sie eine Rolle spielt. Angst vor Unsicherheit. Vor Verlust. Davor, allein dazustehen. Darunter liegt oft noch etwas anderes.
Viele von uns haben früh gelernt, sich anzupassen und auszuhalten, weil es irgendwann vielleicht notwendig oder sinnvoll war, um dazuzugehören und ergo sicher zu sein. In vielen Familien und Systemen war möglicherweise wenig Raum für ein klares Nein. Stattdessen ging es darum, durchzuhalten, sich einzufügen, weiterzumachen – vielleicht, weil es irgendwo auch existenziell war.
Und so entsteht oft unbemerkt ein innerer Mechanismus:
Bevor wir die Umstände infrage stellen, stellen wir uns selbst infrage.
- Vielleicht bin ich zu sensibel.
- Vielleicht muss ich einfach besser damit klarkommen.
- Vielleicht liegt es ja an mir.
„Bevor wir die Umstände infrage stellen, stellen wir uns selbst infrage.“
Übersehener Faktor Umfeld
Ein Faktor, der dabei oft übersehen wird, ist das Umfeld, in dem wir uns bewegen. In The Myth of Normal beschreibt Gabor Maté eindrücklich, wie stark unsere Gesundheit auch durch die Bedingungen geprägt wird, in denen wir leben – nicht nur durch das, wie gut wir individuell mit Stress umgehen.
Und genau hier passiert etwas Spannendes:
Wir versuchen, uns selbst zu optimieren. Resilienter zu werden. Besser zu funktionieren.
Aber wir stellen seltener die Frage:
Ist das, was ich hier aushalte, eigentlich gesund für mich?
Dabei zeigt die Forschung ziemlich klar: Unser Stresssystem kommt mit dauerhafter, nicht auflösbarer Belastung oft deutlich schlechter zurecht als mit kurzfristigem Stress. Wenn wir über längere Zeit in einem Umfeld sind, das uns unter Druck setzt, verunsichert oder klein hält, wirkt sich das nicht nur emotional aus – sondern oft auch körperlich.
Das bedeutet auch:
Wenn du merkst, dass dich etwas dauerhaft erschöpft, anspannt oder innerlich unruhig macht, ist das kein Zeichen von Schwäche.
Es ist eine nachvollziehbare Reaktion deines Systems auf etwas, das dir möglicherweise nicht guttut.
Dein Körper sendet Signale - nimmst du sie wahr?
Umgelegt auf meinen Fall kann ich sagen, dass ich nicht dachte, dass mich nach so viel Reflexion und Arbeit an mir selbst so etwas noch so stark triggern kann, aber Überraschung: Auch ich bin nicht immun, sondern ein soziales Wesen ;).
Und genau hier kommt der wichtigste Punkte: Unser Körper macht nichts falsch. Er ist ist nicht zu schwach oder zu sensibel sondern er reagiert oft ziemlich klar – auch wenn wir gelernt haben, diese Signale zu übergehen.
Ich schreibe das nicht, um dich zu verunsichern. Sondern damit du für dich nochmal genauer nachspüren kannst:
Deshalb lohnt es sich genauer hinzusehen und sich unter anderem die folgenden Fragen zu stellen:
- In welchen Umfeldern verbringst du viel Zeit?
- Wie fühlst du dich davor, währenddessen und danach (auch vom Energielevel her)?
- Fühlst du dich eher unterstützt – oder eher kleiner gemacht?
Gehen oder bleiben - was ist nun die Lösung?
Ich weiß, dass es nicht immer möglich ist, sofort aus einer Situation auszusteigen. Auch bei mir war das kein spontaner Prozess, aber nachdem ich für mich wusste, dass dieses Projekt ein Ablaufdatum hat, konnte ich wieder ruhig schlafen.
Auch wenn ein großer Schritt gerade (noch) nicht möglich ist, kann sich etwas verschieben:
Allein zu erkennen „Ich halte hier gerade etwas aus, das mir nicht guttut“ kann entlastend sein. Es nimmt den Druck raus, ständig an dir selbst arbeiten zu müssen, und öffnet den Raum für einen freundlicheren Umgang mit dir.
Und vielleicht ist genau das der Anfang: Dich nicht weiter in etwas hineinzudrängen, sondern dich Schritt für Schritt mehr mit dem zu verbinden, was dich stärkt.
- Mit Menschen, die dir guttun.
- Mit Umfeldern, in denen du dich sicherer fühlst.
- Mit Momenten, in denen dein System durchatmen kann.
Liebevoller Reminder an dich
Ja – destruktive (toxische) Dynamiken können eine starke Sogwirkung haben.
Aber mit mehr Bewusstsein, Klarheit und Mitgefühl für dich selbst kannst du beginnen, dich daraus zu lösen. Nicht von heute auf morgen. Aber Schritt für Schritt.
Und manchmal beginnt Veränderung nicht damit, sofort alles loszulassen –
sondern damit, ehrlich hinzusehen, was du eigentlich die ganze Zeit schon spürst.
Gemeinsame Schritte
Wenn du spürst, dass du in einer Situation feststeckst, die dir nicht guttut, und du dir mehr Klarheit und Sicherheit für deinen nächsten Schritt wünschst, begleite ich dich gern dabei.
Lass uns gern ins Gespräch kommen. Ich freue mich auf dich.

