Warum wir pleasen – ein Blick hinter die Kulissen von People Pleasing

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People Pleasing ist gefühlt in aller Munde. Und ehrlich gesagt mag ich das Wort selbst gar nicht und hätte mich auch NIE damit identifiziert. „Ich will ja niemanden gefallen“. Und „nur gefallen“ ist auch viel zu kurz gegriffen, weil etwas viel Umfangreicheres dahintersteckt, als wir vielleicht annehmen.

Deshalb möchte ich dich heute als gelegentliche People Pleaserin auf dem Weg der Besserung ein Stückchen tiefer mitnehmen: Was passiert eigentlich unter der Oberfläche? Warum ist es so viel weiter verbreitet als wir denken? Und was kostet es uns wirklich?

🔎Überblick

Das „Ding“ hat einen Namen: Fawning

Was wir umgangssprachlich People Pleasing nennen, trägt in der Literatur den Namen: Fawning. Bekannt gemacht durch den Psychotherapeuten Pete Walker, vor allem im Kontext von komplexen Traumafolgen.

Du kennst wahrscheinlich die klassischen Stressreaktionen: Fight, Flight, Freeze. Kämpfen, flüchten oder erstarren – je nachdem, was unser Nervensystem als sicherste Option bewertet.

Fawning beschreibt eine vierte beobachtete Reaktionsweise, die vor allem in sozialen Situationen auftaucht: Anstatt wegzulaufen oder zu kämpfen, passen wir uns an. Wir vermeiden Konflikte, gefallen, machen uns klein, um sicher zu bleiben.

Vereinfachte Darstellung der Stressreaktionen unseres Nervensystems: 🦁 Fight→ zur BedrohungAngriff / Gegenwehr🐎 Flight← weg von BedrohungFlucht / Vermeidung🧊 Freeze↓ nach innenErstarren / Kollaps🫂 Fawn→ zur Bedrohung, Beschwichtigung / Anpassung

Ich liebe Beispiele aus der Tierwelt, die uns solche Prinzipien greifbar machen. Daher eine kurze Anekdote aus dem Reich der Pferde:

Junge Pferde zeigen älteren, ranghöheren Pferden die Zähne – nicht, weil sie beißen möchten, sondern als Zeichen der Unterwerfung. „Bitte friss mich nicht, ich bin ungefährlich und gehorche.“ Sieht wirklich lustig und niedlich zugleich aus.

Und gar nicht so weit hergeholt: Viele von uns lächeln in Situationen, in denen ihnen überhaupt nicht zum Lachen ist und können trotzdem nicht aufhören. Das Lächeln signalisiert: Ich bin ungefährlich. Ich bin auf deiner Seite. Bitte lass mich dazugehören.

Vieles davon läuft völlig automatisch und unbewusst ab. Was für viele wirklich schmerzhaft ist: die Bewusstheit darüber zu haben und trotzdem in den entscheidenden Momenten gefühlt keine andere Wahl zu haben. Genau das ist das Kennzeichen eines tiefsitzenden Anpassungsmusters.

"Genau das macht ein tiefsitzendes Anpassungsmuster aus: das Gefühl, in den entscheidenden Momenten keine andere Wahl zu haben."

Wie erkenne ich, ob ich fawne?

Fawning zeigt sich oft in kleinen, alltäglichen Momenten:

  • Du sagst „Kein Problem“, obwohl es eigentlich eines ist.
  • Du entschuldigst dich häufig auch für Dinge, für die du gar nichts kannst.
  • Du denkst nach einem Gespräch stundenlang darüber nach, ob du etwas Falsches gesagt haben könntest oder zu viel warst.
  • Du meidest Konflikte, weil sie sich für dich wie ein Weltuntergang anfühlen.
  • Du sprichst selten aus, was du wirklich fühlst, um niemanden zu verletzen.
  • Du merkst erst viel später, was du eigentlich gewollt oder gebraucht hättest.
  • Und obwohl du 1000 % gibst, hast du schnell das Gefühl, dass dich andere nicht mögen oder böse auf dich sein könnten.

Darunter liegt häufig eine feine, permanente Wachsamkeit – auch Hypervigilanz genannt. Das Nervensystem scannt ständig die Umgebung: Was braucht die andere Person gerade? Bin ich sicher? Habe ich etwas falsch gemacht?

Diese erhöhte Aufmerksamkeit kann sich in Anspannung, Schreckhaftigkeit, Overthinking oder dem Gefühl zeigen, nie wirklich abschalten zu können.

Wie entsteht so ein Muster?

Meiner Beobachtung nach gibt es zwei Zutaten.

01 – Die erste: unsere frühen Erfahrungen.
Fawning entwickelt sich häufig dort, wo ein Kind früh gelernt hat: Ich bin sicher und geliebt, wenn ich mich anpasse. Das kann in sehr unterschiedlichen Biografien passieren und es braucht dafür nicht das EINE dramatische Ereignis.

Häufige Muster, die ich beobachte:

  • Unvorhersehbare oder emotional unberechenbare Umfelder, wo das Kind nie wusste, welche Version der Bezugsperson es heute antrifft (Wie ist Mama/Papa/Oma/Opa etc. heute drauf?)
  • Liebe und Zuneigung, die spürbar an Verhalten geknüpft waren – bedingungslose Annahme hat gefehlt (Wenn ich brav / ordentlich / fleißig / leise / immer gute Noten habe, dann werde ich geliebt.)
  • Bezugspersonen, die (aus welchen Gründen auch immer) wenig Raum für die Bedürfnisse des Kindes hatten.
  • Die frühe, unbewusste Rolle, für die Stimmung oder emotionale Stabilität der Eltern mitverantwortlich zu sein
  • Grenzen oder Gefühle wie Wut und Traurigkeit, die ignoriert, übergangen oder beschämt wurden

Was dabei eine zentrale Rolle spielt, nennt sich im Englischen Attunement , also Einstimmung bzw. in diesem Fall die fehlende Einstimmung. Das bedeutet: Nicht nur, was uns passiert ist, zählt. Sondern auch, was einfach nicht da war. Zu wenig Einstimmung auf das, was ich brauchte. Zu wenig Raum für meine Gefühle. Zu wenig (körperliche) Nähe.

"Es prägt uns nicht nur das, was uns passiert ist, sondern auch das, was nicht oder zu wenig da war."

02 – Die zweite Zutat: die Gesellschaft.

Fawning-Eigenschaften werden gesellschaftlich nicht nur übersehen, sondern oft sogar gefeiert. Selbstlos, aufopfernd, immer lieb, nie fordernd. Hach, wie angenehm so ein Gegenüber, oder?

Kein Wunder also, dass wir dieses Muster lange nicht hinterfragen. Oft fällt es uns erst auf, wenn die Rechnung kommt: in Form von Erschöpfung, innerem Druck oder dem Gefühl, uns selbst irgendwo auf dem Weg verloren zu haben.

Wir bewegen uns auf einem Spektrum

Und hier ist mir etwas wichtig: Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, bedeutet das NICHT automatisch, dass du eine komplexe Traumafolgestörung (KPTBS) hast.

Fawning wird in der Literatur häufig im Zusammenhang mit KPTBS beschrieben. Gleichzeitig begegnen mir in meiner Praxis immer wieder Menschen, die ausgeprägte Anpassungsmuster entwickelt haben, ohne sich in „schweren“ Traumageschichten wiederzufinden oder eine komplexe Traumafolgestörung zu haben.

Was ich daraus gelernt habe: Auch aus kleinen, sich wiederholenden Verletzungen können Wunden entstehen. Nicht nur das, was uns passiert ist, prägt uns. Sondern auch das, was nicht oder zu wenig da war.

Wir bewegen uns hier auf einem Kontinuum. Zwischen mentalem Wohlbefinden und einer psychischen Erkrankung liegt ein großer Bereich menschlicher Erfahrungen. Genau dort begegnen mir viele Menschen in meiner Praxis.

Mir geht es deshalb weniger um die Frage: „War es schlimm genug?“ Sondern vielmehr darum zu verstehen, welche Strategien wir entwickelt haben, um Sicherheit, Verbindung und Zugehörigkeit zu finden. Das hilft, unserem Erleben Sinn zu geben – und oft auch, mit mehr Mitgefühl auf uns selbst zu schauen.

Denn nicht jede Wunde bedeutet eine psychische Erkrankung. Aber jede Wunde verdient Aufmerksamkeit.

„Nicht jede Wunde bedeutet eine psychische Erkrankung. Aber jede Wunde verdient Aufmerksamkeit.“

Was es uns kostet und was unter der Anpassung liegt

Das Schmerzhafteste, was ich in meiner Praxis und bei mir selbst immer wieder erlebe: Anpassung hat einen hohen Preis. Wir halten den Frieden, aber auf unsere Kosten. Und das Bittere daran: Es entsteht dadurch keine echte Verbundenheit. Denn Verbundenheit braucht Echtheit. Wenn ich nicht zeige, was ich wirklich fühle und denke, kann ich auch nicht wirklich gesehen werden.

Was dabei oft übersehen wird: Unter der Anpassung liegt nicht selten Wut. Denn auch wenn ich nach außen Ja sage, kann sich innerlich alles nach Nein anfühlen.

Dann beginnt häufig eine Spirale:

Jemand möchte etwas von mir in mir taucht ein Nein auf ich spreche es nicht aus ich sage trotzdem Ja meine eigenen Bedürfnisse bleiben auf der Strecke Frust oder Wut entstehen.

Und genau an dieser Stelle wird es oft kompliziert. Denn viele Menschen haben nicht nur gelernt, sich anzupassen, sondern auch, die eigenen Bedürfnisse oder ihre Wut als problematisch zu erleben.

Auf den Ärger folgt dann schnell Scham oder Selbstkritik:

  • „Wieso hast du schon wieder Ja gesagt?“
  • „Warum kriegst du das nicht hin?“
  • „Andere können doch auch Grenzen setzen.“

     

So richtet sich die Wut nicht selten gegen uns selbst.

Raus aus der (Über-) Anpassung

Ich weiß, wie nervig es sein kann, immer wieder denselben Kreislauf ohne große Veränderung zu erleben. Mir persönlich hat es geholfen, meine Anpassungsstrategien zu würdigen – denn sie sind aus einem guten Grund entstanden.

Für mich war es eine Mischung aus: mein Nervensystem zu unterstützen, aus dem Alarmzustand herauszufinden, meine Prägungen besser zu verstehen, Achtsamkeit und Bewusstheit für Momente zu entwickeln, in denen ich zum Fawnen neige – und neue Erfahrungen zu sammeln, in denen ich mit jedem Schritt mutiger werde und Stück für Stück mehr von mir zeige.

Gemeinsame Schritte

Du erkennst dich wieder und wünschst dir Unterstützung, Schritt für Schritt raus aus der (Über-)Anpassung hin zu mehr Mut, du selbst zu sein?

Dann lass uns ins Gespräch kommen. Ich freue mich auf dich.

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